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Frauen & Aids: Russisches Roulette

Aktuelle Zahlen der WHO belegen, dass weltweit mehr als 36 Millionen Menschen direkt von HIV bzw. Aids betroffen sind. Allein im Jahr 2000 haben sich mehr als 5,3 Millionen Menschen mit der Immunschwächekrankheit neu infiziert. Eine Krankheit, die Liebe und Tod brutal aneinander kettet. Im Bett ist nichts mehr so, wie es einmal war. Trotzdem hat kaum eine Frau ihr Liebesleben merklich verändert. Safer Sex ist ihnen in der Theorie vertraut - in der Praxis bleibt das Kondom in der Schublade und die Angst wird ins hinterste Eck des Gehirns verbannt. "Mir wird schon nichts passieren" ist ihre Devise, wenn die Liebe zuschlägt.

Ungeschützter Sex als Risiko

Ein riskantes Lebensmotto. Denn die Wahrscheinlichkeit, sich als Frau anzustecken, steigt von Tag zu Tag. Aids hat die Grenzen der "klassischen" Risikogruppen längst gesprengt: Heterosexuelle und nicht drogenabhängige Frauen sind derzeit die am stärksten wachsende Gruppe der HIV-Infizierten - und das nicht nur in Entwicklungsländern.

Auch in Österreich sind mittlerweile fast 20 Prozent aller Aids-Kranken und mehr als ein Drittel der HIV-Neuinfizierten Frauen. Über 40 Prozent von ihnen haben sich durch ungeschützten heterosexuellen Kontakt angesteckt. Denn es müssen gar keine "ungewöhnlichen" Praktiken sein, die zur Infektion führen. Schon bei ganz "normalen" Intimkontakten liegt das Ansteckungsrisiko von Frauen bis zu 20mal über dem der Männer. Umgekehrt ist das Ansteckungspotenzial der Frau deutlich niedriger: Während HIV-infizierte Frauen das Virus nur bei jedem hundertsten Intimkontakt weitergeben, kann das bei HIV-positiven Männern ohne Aids-Symptome schon bei jedem zehnten "Liebesakt" passieren. Damit wird die ungeschützte Liebe endgültig zum russischen Roulette.

Denn den wenigsten Männern sieht man an, ob sie HIV-positiv sind. Und freiwillig wird kaum einer darüber sprechen. Gleichzeitig belegen Statistiken, dass Tausende Österreicher, vielfach verheiratet oder fest liiert, jede Woche zu Prostituierten gehen und auch im Urlaub nicht vor bezahlten Intimkontakten zurückscheuen. Für die meisten von ihnen sind Kondome kein Thema, weder zum eigenen Schutz noch zu dem ihrer Partnerin.

Unwissenheit oder Ignoranz?

Stellt sich die Frage, warum so wenig Frauen ihr Recht auf sichere Liebe einfordern. Die Experten sind auf der Suche nach Antworten auf drei Motive gestoßen:

mangelnde Information,
mangelndes Risikobewusstsein,
Angst vor der Reaktion des Partners.
Obwohl in den vergangenen 15 Jahren viele Millionen in Informationskampagnen gesteckt wurden, hat sich erstaunlich wenig am Sexualverhalten der Österreicher geändert: Die entscheidende Botschaft - "Niemand ist vor Aids sicher" - scheint nicht angekommen zu sein. Vor allem Jugendliche sind ziemlich ahnungslos: Nach wie vor glaubt jedes zehnte Mädchen, mit der Pille auch vor Aids geschützt zu sein. Noch höher ist die Zahl jener, die falsche Übertragungswege nennen oder davon überzeugt sind, dass eine Infektion nur bei mehrmaligem Intimkontakt möglich sei.

Spießrutenlauf zwischen Lust und Vernunft

Besonders schwierig wird es, wenn es sich beim potenziellen Aids-Infizierten um den Ehemann oder Freund handelt, mit dem man seit Jahr und Tag ohne Kondom intim ist. Permanenter Argwohn - selbst wenn er gerechtfertigt ist - bedeutet nicht selten das Ende der Beziehung. Aber auch bei neuen Bekanntschaften scheitern viele Frauen am entscheidenden Vor-Spiel: Schließlich holt derjenige, der das Präservativ zum Thema macht, auch die Angst vor Aids, vor Krankheit und Tod hervor, wenn eigentlich Lust angesagt wäre. Gleichzeitig wirkt die Aufforderung zum Gebrauch wie ein Misstrauensantrag - oder wie das Eingeständnis eigener Schuld.

Dann ist da noch die Frage der Zeit: Wie lange muss eine Beziehung halten, bevor sie "sicher" ist? Die Ratschläge der Experten sind klar: totale Enthaltsamkeit, absolute Treue - oder sicherer Schutz. Was die Enthaltsamkeit betrifft, so muss man von einem zwar christlichen, kaum aber realisierbaren Vorschlag sprechen. Auch das mit der Treue ist so eine Sache: Wer kann schon seine Hand für den Partner ins Feuer legen - Tag für Tag, zu hundert Prozent? Bleiben also Kondome. Und hier werden Frauen einmal mehr die Vorreiterrolle übernehmen müssen, denn in heterosexuellen Beziehungen tragen sie in Zukunft das größere Risiko und werden daher um "Safe Sex" nicht herumkommen. Doch das bedeutet nicht automatisch das Ende der Lust. Denn beim Griff zum Kondom kommt es vor allem darauf an, was man(n)/frau daraus macht: ein peinliches Muss oder ein lustvolles Spiel, das Liebe mit Schutz zum Schutz aus Liebe werden lässt.